Business-Etikette: Welche Regeln gelten auf internationalem Parkett?

Krawatte oder nicht? Welche Regeln gibt es in der internationalen Business-Etikette?

Wie verhalten wir uns richtig, wenn wir mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten und Geschäfte betreiben? Trainerin Renate Sandler beschreibt im Interview, wo die meisten Fettnäpfchen liegen und was die wichtigste Regel der internationalen Business-Etikette ist.

Frau Sandler, was hat Sie motiviert, sich mit Business-Etikette zu beschäftigen?

Ich habe einen sehr persönlichen Zugang zu diesem Thema. Meine Mutter war Hausdame in einem Adelshaushalt in Wien und legte viel Wert auf gutes Benehmen. Manchmal nahm sie mich mit zu ihrer Arbeit, das durfte sie. Und wenn ich dort war, hat sich die Fürstin oft mit mir beschäftigt und mir spielerisch Dinge beigebracht. Schon als Kind wurde mir klar, dass ich mehr bekomme, wenn ich mich besser benehme. Mit 13 bekam ich Knigges Buch „Über den Umgang mit Menschen“ geschenkt. Im Grunde begleitet mich Knigge daher schon sehr lange.

In meiner letzten Position in der Personalentwicklung von Media Saturn habe ich dann Trainings zum Thema Business-Etikette eingeführt und selber geleitet. Das hat mir viel Spaß gemacht und ich wollte es weiterführen. Daher entschied ich mich vor drei Jahren beim Wechsel in die Selbstständigkeit, Trainings für Knigge, Führung und Kommunikation anzubieten.

Renate Sandler

Das Buch „Über den Umgang mit Menschen“ von Adolph Freiherr von Knigge erschien 1788. Inwiefern ist Knigge noch zeitgemäß?

Zeitgemäß ist Knigge auf jeden Fall. Die meisten Menschen verbinden sein Werk zwar mit altmodischen und steifen Regeln. Das ist aber nicht richtig. Denn Knigge hat Regeln verabscheut, regelrecht verspottet. Ihm ging es um Moral und Ethik, um den Umgang mit Menschen. Anstand, Höflichkeit, Respekt und Wertschätzung waren ihm wichtig – und das ist hochaktuell. Auch heute will niemand respektlos behandelt werden. Wir brauchen Anstand im beruflichen und im privaten Leben. Das bedeutet auch, sich anlass- und adressatengerecht zu verhalten. Es geht nicht primär darum, wie ich die Krawatte richtig trage beziehungsweise was ich anziehe, sondern für wen beziehungsweise für welchen Anlass.

Das bedeutet im internationalen Business, dass wir unser Verhalten den jeweiligen Kulturen anpassen müssen. Wo liegen dabei mögliche Stolperfallen?

Gerade Begrüßungsrituale sind eine regelrechte Ansammlung potenzieller Fettnäpfchen. In Europa sowie in Süd- und Nordamerika ist der Handschlag normal. Im Geschäftsleben reicht der Ranghöhere zuerst die Hand, im Privatleben ist es die Dame. Doch in anderen Ländern gelten andere Regeln: In Russland reicht man dem Mann die Hand und begrüßt die Frau üblicherweise nur mit einem Kopfnicken. In China sind Verbeugungen üblich.

Was passiert, wenn sich beide Kulturen der jeweils anderen anpassen?

Dafür gibt es prominente Beispiele: Barack Obama hat in seiner Amtszeit den damaligen chinesischen Präsidenten besucht und begrüßt. Er hat sich verbeugt, während ihm der asiatische Gesprächspartner die Hand hingestreckt hat. Beide haben also versucht, sich der jeweils anderen Kultur anzunähern. Das kann uns natürlich auch passieren, aber es ist ja nicht schlimm. In einer solchen Situation ist ein ehrliches Lächeln oftmals „die Rettung“.

Während der Coronapandemie mussten wir auf den Handschlag verzichten. Hat sich diese Zeit nachhaltig auf die Begrüßungsrituale ausgewirkt?

Eigentlich nicht, der Handschlag ist hierzulande wieder die Norm. Denn Menschen sehnen sich ja nach Berührung. Der Handschlag ist zudem ein Zeichen des Vertrauens. Er stammt aus der Zeit, in der viele Menschen Waffen trugen – und zwar immer links -, die sie dann mit der rechten Hand zogen. Der Handschlag sollte zeigen, dass sie unbewaffnet sind. Auch die Redewendung, dass man jemandem „die Hand darauf gibt“, hat denselben Hintergrund. Früher hat man per Handschlag sogar Verträge abgeschlossen. Das ist heute nicht mehr üblich, aber wichtig ist der Handschlag nach wie vor.

Nach der Begrüßung folgt im Geschäftsleben meist die Besprechung. Welche Unterschiede gibt es bei Meetings im internationalen Kontext?

Hier gibt es sehr große Unterschiede in der Art der Kommunikation – vor allem im Hinblick darauf, wie direkt die Gespräche ablaufen. In Österreich und im gesamten deutschsprachigen Raum ist es normal, in Meetings offen zu reden – auch über kritische Aspekte. Das ist im asiatischen Raum nicht üblich. Chinesische Geschäftspartner:innen in Besprechungen offen zu kritisieren, wäre ein No-Go, weil das Gesichtsverlust bedeuten würde. Wichtig ist auch, Signale richtig zu deuten. Japanerinnen und Japaner sagen in Meetings oft „Hai“ – also „Ja“ – und ihr Gegenüber meint dann schnell, sie seien einverstanden. Dabei heißt dieses „Hai“ lediglich „Ich höre dich“ – und man darf es keinesfalls mit Einverständnis gleichsetzen, auch wenn es von einem freundlichen Lächeln begleitet wird.

Menschen aus Russland wiederum sind sehr direkt in ihrer Ansprache. In Ländern wie der Türkei oder Venezuela hingegen wollen viele erst Vertrauen aufbauen, bevor sie Geschäftsthemen anschneiden. Diese Beispiele zeigen bereits, wie unterschiedlich die Kommunikations- und Meetingkulturen in verschiedenen Ländern sein können. Daher ist es sehr wichtig, sich vorab schlau zu machen, was im jeweiligen Kontext angebracht ist.

Besprechungen finden häufig auch bei Geschäftsessen statt. Was ist dabei auf dem internationalen Parkett zu beachten?

Es gibt viele kulturelle Besonderheiten rund ums Essen. In Europa essen wir mit Messer und Gabel. Dabei halten wir üblicherweise das Messer rechts und die Gabel links. Linkshänder:innen dürfen das Besteck auch verdrehen, das ist in Europa kein Problem. Aber im arabischen Raum sollten auch sie mit der rechten Hand essen, denn die linke Hand gilt als unrein. Wenn sie sich über diese Gepflogenheit hinwegsetzen, kann es sein, dass die Gastgeber:innen ihnen das sehr übel nehmen.

In Japan wiederum müssen Sie gut aufpassen, was Sie mit den Stäbchen machen. Stechen Sie diese in eine Reisschüssel, weil Sie beim Essen eine Pause machen, ist das für ein asiatisches Gegenüber schockierend. Denn das macht man nur in Todesfällen, um Verstorbener zu gedenken.

In welchen Situationen des sozialen Miteinanders sind die Menschen ihrer Erfahrung nach besonders oft unsicher, wie sie sich verhalten sollen?

Die größten Unsicherheiten bestehen bei den Tischmanieren und der Kleidungsfrage. Dabei gibt es für mich zwei Gruppen von Menschen: Die einen möchten es stets korrekt machen und wissen manchmal nicht wie. Den anderen ist es einfach egal. Letzteres kann im Businessbereich aber gefährlich sein. Wenn ich ein Start-up habe und mich mit anderen Start-up-Gründer:innen treffe, dann sind Birkenstock-Schlappen und Hoodies in Ordnung. Aber im gehobenen Business auf den obersten Managementebenen ist es gut zu wissen, wie man sich richtig kleidet. Wenn ich in Jeans und Turnschuhen zu einem großen internationalen Konzern nach Asien reise, wird das Geschäftemachen eher schwierig werden.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Regel der internationalen Business-Etikette?

Ich würde es weniger an einer Benimmregel aufhängen, sondern vielmehr als Geisteshaltung beschreiben. Besonders wichtig ist aus meiner Sicht Anstand. Und Anstand im Geschäftsleben heißt, dass ich anderen mit Wertschätzung und Respekt begegne, dass ich höflich bin und meinem Gegenüber auch schon einmal etwas Gutes tue – und sei es nur, ihm oder ihr die Tür aufzuhalten. Wenn ich mich so verhalte, dann verzeiht man mir auch gerne den einen oder anderen Fehler, auch in der internationalen Etikette. Denn es geht gar nicht so sehr um starre Regeln, sondern vor allem um den Willen, Rücksicht auf andere zu nehmen und sich anständig zu verhalten.

Interview: Bettina Geuenich

Webtipps

www.richtigstilvoll.at (Website von Renate Sandler)

Einen Leitfaden von Renate Sandler zum Thema Begrüßungsrituale finden Abonnent:innen hier.

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 20 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

Bettina Geuenich

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 20 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

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