Mentaltraining: „Ein gemeinsames Bild kann ein Gamechanger sein“

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Foto: Jenny Le, Unsplash

Einstellungen, Werte, innere Bilder: Was wir leisten, hat nicht nur mit unseren Fähigkeiten zu tun, sondern auch mit unserem mentalen Zustand. Heidi Haberl-Glantschnig, 30-fache österreichische Meisterin im Rudern und Expertin für Mentaltraining, erzählt im Interview, wie wir das Beste aus uns herausholen und wie Unternehmen Performance managen können.

Heidi Haberl-Glantschnig (Foto: Felicitas Matern)

Frau Haberl-Glantschnig, Sie haben eine erfolgreiche Ruderkarriere hinter sich. Was waren die wichtigsten Faktoren für Ihre Leistungen?

Wichtig waren Vorbilder, die mir gezeigt haben, was möglich ist. Mein Vater ist ja eine österreichische Ruderlegende, 110-facher österreichischer Meister und zweifacher Weltmeister. Er hat mir deutlich gemacht, wo es hingehen kann. Der zweite wichtige Faktor war, genau zu wissen, was ich selbst erreichen möchte. Hinzu kam ein dritter ganz starker Treiber, nämlich das Gemeinschaftsgefühl. Im Team etwas zu schaffen, hat mich immer sehr motiviert.  

Erfolg beginnt im Kopf, heißt es. Was ist dran an diesem Satz?

Ich habe nach meiner Ruderkarriere Psychologie studiert und mich intensiv mit Mentaltraining und Coaching beschäftigt. Daher weiß ich, wie mächtig Gedanken und innere Bilder sind. Sie gestalten Wirklichkeit. Wir haben Bilder davon, wie Männer, Frauen, Führungskräfte und Unternehmen sind. Daran orientieren wir uns. Diese Bilder bekommen wir zufällig in den Kopf – zum Beispiel, weil wir einen Vater mit bestimmten Eigenschaften haben. Sie können hilfreich sein, aber manchmal auch nicht. Mit Mentaltraining können wir direkt auf diese inneren Bilder zugreifen und unterscheiden, welche uns auf dem Weg zu dem helfen, was unser Leben ausmachen soll.

Woran erkenne ich, ob ein inneres Bild mich stärkt oder schwächt?

Das erkenne ich daran, ob es mich meinem Ziel näher bringt. Deshalb ist es wichtig, sich zuerst klar zu machen, wo ich hin möchte. Das hat rationale und emotionale Komponenten. Während im Sport viele Emotionen im Spiel sind – man denke nur an begeisterte Fangemeinden in Sportarten wie der Formel 1, wird in Unternehmen viel Wert auf rationale Faktoren gelegt, auf KPIs und Umsatz. Aber erst, wenn wir rationale und emotionale Komponenten verbinden, entstehen Ziele, die mitreißen. Ein gutes Ziel zaubert ein Lächeln aufs Gesicht. In der Realität vieler Unternehmen ist es aber so, dass Ziele nicht den Haltungen der Menschen entsprechen. Das führt dazu, dass sie ihre Ziele nicht oder nur mühsam erreichen.

Ein gutes Ziel zaubert ein Lächeln aufs Gesicht.

Heidi Haberl-Glantschnig

Nehmen wir an, ich habe ein Ziel vor Augen, das mich begeistert. Wie komme ich ihm näher?

Wir müssen uns damit auseinandersetzen, was gegen das Ziel spricht und mich zurückhält. Warum bin ich noch nicht da, wo ich sein möchte? Verliere ich etwas auf dem Weg zum Ziel? Im ersten Moment denken wir oft, es würde nichts gegen das Ziel sprechen. Aber möglicherweise kommen wir drauf, dass es für meine Beziehung nicht so gut ist. Ich hätte vielleicht weniger Zeit für meine Partnerschaft, meine Kinder oder meine Hobbys.

Das heißt, ich überlege noch mal, ob ich das wirklich will?

Ich überlege, welche negativen Konsequenzen die Beschäftigung mit dem Ziel hat. Aber das muss mich nicht abschrecken. Denn im nächsten Schritt geht es darum, dieses Bild zu erneuern.  Wie kann ich das, was mir wichtig ist, verbinden? Vielleicht entsteht in meinem Kopf ein Bild von einer Führungskraft, die genügend Zeit für ihre Beziehung, ihre Familie und für Hobbys hat. Ich integriere also das, was gegen mein Ziel spricht.

Und dann?

Ein nächster Schritt ist die Ressourcenarbeit: Wir überlegen, was schon da ist und helfen kann. Vor Veränderungen sehen wir oft nur den langen Weg, der uns vom Ziel trennt. Daher ist es wichtig, uns bewusst zu machen, was wir bereits geschafft haben und welche Stärken und Potenziale wir haben, um dann überlegen zu können, welche weiteren Ressourcen wir benötigen. Was muss ich lernen? Vielleicht muss ich mich besser abgrenzen, mutiger sein oder eine größere Gelassenheit entwickeln. Es gibt Tools, die uns helfen können, uns selbst zu managen und weniger von außen gesteuert zu sein.

Welche sind das zum Beispiel?

Ich hatte einmal eine erfolgreiche und engagierte Führungskraft im Coaching. Sein Problem war, dass er in Meetings bei gewissen Themen so emotional wurde, dass er überhaupt nicht mehr reden konnte. Irgendwann hatte er schon diesen Stempel weg, dass er immer gleich ausflippt. Das Ziel des Coachings war, dass er in Situationen, die ihn aufregten, gelassener reagieren konnte. Wir haben uns gefragt, wo er diese Gelassenheit erlebt – und das waren Urlaubssituationen, in denen er entspannt am Meer saß. Dann haben wir haben versucht, diesen Zustand aus dem Urlaub mitzunehmen. In der Psychologie nennt man das „ankern“. Wir haben dabei mit der Farbe Blau gearbeitet, die für das Meer im Urlaub steht. Das innere Bild der Farbe Blau, die er mit dem Meer und mit Gelassenheit verbindet, ruft er nun in den Momenten auf, in denen der Ärger kommt. Sein Problem hat sich damit schnell entschärft.

Die Idee ist also, die eigenen Haltungen besser in den Griff zu bekommen?

Ja, es geht darum, unsere eigenen Zustände zu managen. Dieses Prinzip ist im Spitzensport ganz wichtig. Ein Sportler, der nach vier Jahren Vorbereitung auf die olympischen Spiele am Start steht, muss in diesem Moment seinen optimalen Zustand aufrufen. Nach demselben Prinzip kann sich auch ein Manager auf ein wichtiges Gespräch vorbereiten oder ein Kind auf eine Prüfung in der Schule.

Unser Verhalten als Individuum zu steuern, ist das eine. Aber was raten Sie Unternehmen, die an der Performance ihrer Teams arbeiten wollen? 

Auch hier geht es darum, beim einzelnen Menschen anzusetzen. Wir erleben oft, dass das Management mit einer neuen Strategie kommt, die bei den Menschen nicht andockt, weil es sie nicht im Herzen berührt. Aber Unternehmen bestehen aber aus Individuen. Wenn das Management Ziele für 2022 beschreibt, wäre es wichtig zu schauen, was der einzelne Mensch erreichen will – und beide Seiten zusammenzuführen. Das gemeinsame Bild, das dann entsteht, kann ein Gamechanger sein.

Interview: Bettina Geuenich

Quelle:

Das Interview mit Heidi Haberl-Glantschnig ist zuerst in der Fachzeitschrift personal manager, Ausgabe 2/2022 erschienen.

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

Bettina Geuenich

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

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