Vorbild Skandinavien: Was uns bei der Arbeit glücklich macht

Foto: Nick Karvounis Unsplash

Der „World Happiness Report“ untersucht einmal im Jahr, wo die Menschen am glücklichsten ist. Seit Jahren landen die skandinavischen Länder in diesem Glücks-Ranking an der Spitze. Ob das auch mit ihrer Arbeit zusammenhängt, hat Maike van den Boom auf einer Reise durch Schweden, Norwegen und Dänemark erforscht – und darüber ein Buch geschrieben. Die Ergebnisse ihrer Recherche beschreibt sie im Interview.

Maike van den Boom (Foto: Stefan Friedrich Mayr)

Frau van den Boom, Glück suchen viele Menschen eher im Privaten. Was macht das Glück bei der Arbeit aus – und wo liegt die Grenze zur Zufriedenheit?

Für mich birgt der Begriff Zufriedenheit viel Behäbigkeit und Stillstand in sich. Glück ist dagegen quirliger. Es ist auch kein Ist-Zustand. Wir müssen uns das Glück ständig erarbeiten – und natürlich ist es nicht so, dass wir bei der Arbeit immer euphorische Glücksgefühle haben können oder wollen. Nehmen wir eine Skala von 0 bis 10, bei der 0 „total unglücklich“ und 10 „total glücklich“ ist: Niemand will dauerhaft mit einer 10 bei der Arbeit sitzen. Das wäre so, als wären Sie permanent frisch verliebt. Da können Sie ja keinen klaren Gedanken fassen und würden sich auch nicht mehr weiterentwickeln. Glück bei der Arbeit bedeutet für mich, dass mir meine Arbeit gefällt, dass sie mich ausfüllt und mir bei allen Krisen, die es ja gibt, auch Glück beschert.

Warum sind denn die Menschen in den skandinavischen Ländern so glücklich?

Ich glaube, ein ganz wichtiger Grund ist, dass sie Arbeit und Leben nicht strikt trennen. Auf der Arbeit sollst du dich in Skandinavien so geben, wie du auch im Privaten bist. Der Eigentümer eines mittelständigen Bauunternehmens  hat mir auf meiner Reise durch Skandinavien gesagt: „Wenn dein privates Leben nicht funktioniert, dann funktioniert deine Arbeit auch nicht. Die beiden Bereiche hängen zusammen.“ Bei der Arbeit nur zu „funktionieren“ und Rollen zu übernehmen, ist in Skandinavien verpönt – und ich finde das schlau, weil die Menschen keine Energie damit verlieren, sich zu verrenken, zu buckeln, zu taktieren. Wer Wissen benötigt, kann direkt zu den Menschen gehen, von denen er oder sie die Info braucht, auch zum CEO, denn dort steht die Tür offen und es gibt keine zwei Vorzimmer zu überwinden.

Was verändert sich noch, wenn wir Arbeit und Privates nicht so strikt trennen?

Skandinavische Unternehmen legen Wert darauf, dass Mitarbeiter ihr Leben haben und auch privat glücklich sind, denn davon profitieren sie. Deshalb sind sie flexibel, was Arbeitszeiten angeht. Marianne, Leiterin Risk-Management bei Novozymes aus Dänemark, hat mir erzählt, dass ihre Kolleginnen und Kollegen genau wüssten, in welchen Wochen sie die Kinder hat, damit sie in den Zeiten keine anstrengenden langen Meetings planen. Das heißt, die Arbeit formt sich mehr um die Menschen herum als anderswo. Wenn ein dänischer Minister das Treffen mit einem Kollegen aus den USA absagt, weil sein Kind krank ist, schreiben die dänischen Medien, „Das ist eben so in Dänemark“. Aber nicht nur die Kinderbetreuung, auch andere private Belange werden wichtig genommen. Der CEO darf zu Hause bleiben, wenn die Katze krank ist – und das sagt er auch so.

Schon die Schulen gehen stark auf individuelle Belange ein. Als wir nach Schweden zogen und meine Tochter ihre erste Mathearbeit hier geschrieben hat, fragte ich sie anschließend, wie es war – und sie meinte: „Weiß nicht. Es sind nicht alle fertig geworden. Wir schreiben morgen weiter.“ Und wenn sie sich noch weiter verbessern möchten, dann dürfen sie eine Arbeit auch noch einmal schreiben. Und hier sehen wir zwei wichtige Elemente: Erstens, es ist völlig uninteressant, wenn alle zur selben Zeit dasselbe können. Dann bekommst du Standards, aber keine Innovation. Zweitens, es ist wichtig, dass du schon früh lernst, für dein Handeln und deine Entwicklung Verantwortung zu übernehmen. Das führt dazu, dass die Skandinavier nach dem World Values Survey WWS die individualistischen Menschen der Welt sind, die die Einzigartigkeit und Vielfalt der  Menschen nutzen, anstatt sie zu begrenzen.

Ist das wirklich in allen skandinavischen Unternehmen so?

Natürlich gibt es überall schwarze Schafe. Aber das, was ich hier beschreibe, ist die generelle Richtung. Denn während meiner Forschungsreise war ich nicht nur bei IKEA, sondern habe unter anderen auch eine Fluglinie, Stockholms Metro, ein Bauunternehmen, eine Zinkgussfabrik, eine Pharma-Firma und ein Krankenhaus besucht – also ganz unterschiedliche Organisationen, verschiedenster Größe und Eigentümerstrukturen, börsennotiert wie familiengeführt – und zwar in Schweden, Dänemark und Norwegen. Der Tenor war überall derselbe.

Die Menschen sind also insgesamt glücklicher mit ihrer Arbeit als wir im deutschsprachigen Raum?

Ja, das würde ich sagen. Deshalb habe ich ein sehr gutes Gewissen, die skandinavischen Werte im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Denn sie machen nicht nur glücklich, sondern auch fit für die Herausforderungen einer komplexen Zukunft.

Welche Werte sind das?

Freiheit zum Beispiel oder Autonomie. Du kannst alles in Frage stellen und dich einbringen – und diese Gestaltungsmöglichkeiten machen glücklich. Auf der anderen Seite wird in den skandinavischen Ländern viel Wert auf Gemeinschaft und Zusammenarbeit gelegt – und auch das ist ein wichtiger Faktor für Glück. Ein wichtiger dritter Aspekt ist das Vertrauen. In Skandinavien gibt es bei der Arbeit viel weniger Strukturen und Vorgaben. Ein Unternehmensberater aus Dänemark hat zu mir gesagt: „Pass auf, mit jeder Regel, die du einführst, entziehst du Menschen Energie.“ Und auf meine Frage, wie sie denn die Menschen kontrollieren, antwortete er ganz klar: „Wir kontrollieren sie nicht. Wir trauen ihnen.“

Dänemark, Schweden und Norwegen sind High Trust Countries. Sie glauben an die 90-Prozent-Regel: 90 Prozent der Menschen können mit Vertrauen umgehen, zehn Prozent nicht. Um die zehn Prozent muss man sich kümmern. Aber das ist besser, als 100 Prozent der Leute mit Regeln zu überziehen, die ihnen die Energie stehlen, nur weil zehn Prozent nicht vertrauenswürdig sind. Das wäre nicht effizient.  Natürlich gibt es in Unternehmen wie Scania auch Produktionslinien, Qualitätsstandards und Hierarchien. Aber dennoch werden die Menschen so wenig wie möglich reguliert, um Leidenschaft, Mitdenken und Mitkreieren zu fördern. Dadurch ändert sich das Miteinander in den Unternehmen.

Können Sie das an einem Beispiel beschreiben?

Ein gutes Beispiel für die Offenheit und Menschlichkeit, die das Arbeitsleben in Skandinavien prägen, hat mir Jens gegeben, ein Deutscher, der für Siemens nach Dänemark gekommen ist. Sehr kurzfristig hat er die Nachricht bekommen, dass er ab jetzt Vorstandsvorsitzender einer Siemens-Tochter in Dänemark sein wird. Er ist gleich dorthin geflogen und hat am nächsten Tag eine Rede gehalten, die er noch im Flieger geschrieben hat. Dann ist er hoch ins Vorstandszimmer und dachte, „Welcher Zug hat mich denn hier überrollt?“ Fünf Minuten später klopfte es an der Tür – und da steht ein Mann im ölverschmierten blauen Overall in der Tür, der sich als Jören von Produktionslinie 5 vorstellt. „Hallo Jören“, sagte Jens. Dann meinte Jören: „Wir haben uns eben deine Rede angehört und danach zusammengesessen und uns überlegt: Mann, da lässt er alles stehen und liegen, kommt hierher, um alles aufzufangen und hält dann so eine persönliche Rede. Das fanden wir richtig gut. Und weil du das bestimmt gebrauchen kannst, zu wissen, dass wir das gut fanden, dachte ich, ich komme mal hoch und erzähl dir das.“ Tatsächlich, sagte Jens, habe er das total gut gebrauchen können. Arbeit ist eben sehr persönlich in Skandinavien. Und diese Nähe, die dadurch zwischenmenschlich entsteht macht die Kommunikation sehr viel einfacher.  

Was bedeutet das zum Beispiel für das Recruiting neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Mit Zeugnissen bei Bewerbungsgesprächen anzukommen, kannst du vergessen. Die Leute in Skandinavien wollen wissen, wer du bist. Deine Stärken und deine Schwächen, deine Träume, Ängste und Werte. Monica, Vorstandsmitglied des IKEA-Centers umschrieb das so: „Du kannst die Brillanteste und Beste sein, das interessiert uns nicht. Wenn die Werte nicht stimmen und du nicht zu uns passt, dann funktioniert es für beide Seiten nicht.“ Daher wird in Skandinavien viel gefragt, um herauszufinden, ob jemand zum Unternehmen passt. Dabei geht es nicht darum, in eine Norm zu passen, sondern darum, verschiedene Menschen in ihrer Einzigartigkeit so zu kombinieren, dass sie einander ergänzen. Das ist im Norden gute Führung. Aber: Nur einzigartig zu sein ist auch nichts wert, denn ein einzelner Mensch wird nichts erreichen. Der Norden will den Input aller Menschen, jederzeit. Daher ist vor allem die Zusammenarbeit wichtig – und je unterschiedlicher die Menschen in einem Team sind, desto besser wird das Ergebnis – so ist die Haltung.

Natürlich muss am Ende jemand eine Entscheidung treffen, es gibt auch Hierarchien. Aber alle werden involviert. Bei einem Meeting sagt die Führungskraft nicht, „Hat noch jemand Fragen?“, sondern sie spricht jeden einzelnen an und fragt: „Was findest du? Was ist deine Meinung?“ Man möchte wirklich alle einbinden.

Ist das nicht extrem aufwendig?

Das dauert und nervt mitunter. Aber wenn man mit den Menschen spricht, dann sind sie trotzdem der Meinung, dass dieser Weg der bessere ist. Denn er führt dazu, dass alle wissen, warum sie etwas tun und welche Auswirkungen ihre Arbeit an anderer Stelle hat. Außerdem vermeiden Unternehmen so versteckten Boykotts, sie haben die Menschen an ihrer Seite.

Der offene Dialog und die Transparenz sind sehr wichtig. Faktisch gibt es sehr wenig, was du nicht mit deinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besprechen kannst. Daher machen Unternehmen wie IKEA schon im Eingangsbereich für alle sichtbar, was die Umsatzzahlen sind, wo das Unternehmen hin will, was man besser machen kann: Diese Transparenz schafft letztlich Vertrauen.

Interview: Bettina Geuenich


Webtipp

Maike van den Boom hält eine Keynote auf dem HR Inside Summit in Wien am 13. Oktober 2021.


Literaturtipp

Acht Stunden mehr Glück. Von Maike van den Boom. 2. Aufl., Fischer Krüger 2018. 

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

Bettina Geuenich

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

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