„Online ist ein Wir-Gefühl entstanden“: Rückblick auf die Corporate Learning Days

Foto: Free Photo, Pixabay

Im vergangenen Jahr hat sich die Corporate Learning Community Österreich gegründet, die gerade mit den „Corporate Learning Days Österreich“ die erste große Veranstaltung organisiert hat. Welche Learnings es bei diesem „asynchron-synchronen Barcamp“ gab, berichten die Initiatoren Herwig Kummer (Leiter Personalmanagement beim ÖAMTC) und Clemens Stieger (Geschäftsführer und Senior Consultant bei der Gesellschaft für Personalentwicklung, GfP).

Im Sommer 2020 hat sich die Corporate Learning Community Österreich gegründet. Wie hat sie sich seitdem entwickelt?

Herwig Kummer (ÖAMTC)

Herwig Kummer: Im Sommer 2020 haben wir die ersten Ideen für die Community, im Oktober fand das erste Treffen mit über 80 Teilnehmenden statt. Es war für uns selbst überraschend, wie gut es angenommen wurde. Unsere Treffen laufen aktuell als kleine digitale Barcamps ab. Zwischendurch läuft die Kommunikation über unsere LinkedIn-Gruppe mit mehr als 200 Mitgliedern und einen Slack-Kanal.

Gerade fanden die Corporate Learning Days statt. Welches Format hatte die Veranstaltung?

Herwig Kummer: Die Corporate Learning Days waren der Versuch, ein asynchron-synchrones Barcamp komplett in den virtuellen Raum zu verlegen. Denn wir können im Online-Bereich ja viel mehr machen als Präsenzveranstaltung ins Digitale zu transportieren. Bei den Corporate Learning Days gab es eine Woche lang synchrone Sessions über Zoom. Über eine WordPress-Applikation haben wir außerdem die Möglichkeit geschaffen, sich asynchron auszutauschen. Dieses Prinzip kennen wir ja von der Timeline in Social Media, wenn Beiträge von anderen kommentiert werden. Ich kann auch eine Vorstellungsrunde asynchron gestalten, indem alle ein kurzes Video drehen und online stellen. Unsere Idee war, die synchronen Einheiten wirklich auf die die Interaktion und das gemeinsame Erleben zu beschränken.

Und hat das funktioniert?

Herwig Kummer: Wir haben sehr viele Beiträge bekommen, die auch gut kommentiert wurden. Aber nicht alles hat gut funktioniert. Wir haben zum Beispiel nicht viele Videos für die Vorstellungsrunde bekommen. Aber in Summe lief es sehr gut. Und wir haben auch die Rückmeldung bekommen, dass die Leute das Format gut fanden, weil sie es gar nicht geschafft hätten, sich ein oder zwei ganze Tage für ein Barcamp frei zu nehmen. Da sich die Corporate Learning Days über eine ganze Woche erstreckt haben, war es leichter, Zeiten zu finden, an denen man teilnehmen konnte.

Clemens Stieger: Die Idee war ja, dass alle die Veranstaltung in ihren Arbeitsalltag integrieren konnten. Denn das ist ja unser generelles Thema: Wie geht Lernen und Arbeiten nebeneinander und gemeinsam?Das ist unser unser generelles Thema: Wie geht Lernen und Arbeiten nebeneinander und gemeinsam?

Clemens Stieger, GfP

Herwig Kummer: Mir selbst ist es so gegangen, dass ich die Moderation einer Session absagen musste, weil ich in einer Besprechung mit dem Betriebsrat saß, die ich unmöglich abbrechen konnte.

Clemens Stieger: Ja, so hat die Veranstaltung eben ganz ungeschönt gezeigt, wie schwierig es ist, Lernen und Arbeiten zu verbinden. Das ist eine Einstellungs- und Kulturfrage in den Unternehmen, das braucht Erfahrung, Routine und Disziplin. Und manchmal funktioniert es nicht.

Wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben mitgemacht?

Herwig Kummer: Es gab rund 320 Anmeldungen und in den 71 Sessions hatten wir jeweils zwischen acht und 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gab. Viele kamen aus dem Bereich Corporate Learning, es waren einige Dienstleister, aber auch Menschen aus ganz anderen Bereichen, die sich für das Thema interessiert haben. Wir hätten uns ein bisschen mehr Besucherinnen und Besucher aus der Corporate-Learning-Szene in Österreich erhofft und haben uns vorgenommen, unsere Community beim nächsten Mal noch stärker einzubinden.

Welche Themen haben sich auf der Veranstaltung als zentral für die Corporate Learning Professionals herauskristallisiert?

Herwig Kummer: Wir haben jeden Tag unter ein Motto gestellt – und schön war, dass sich das Motto des einen Tages oft in den nächsten gezogen hat. Begonnen haben wir mit „Lernen braucht Gemeinschaft“. Hier ging es darum, dass Lernen immer etwas mit dem Umfeld zu tun hat, mit dem Sozialen, mit Emotionen. Das ist nahtlos übergegangen in das Motto des zweiten Tages – „Lernen braucht Spielen“, bei dem es um die spielerischen Elemente des Lernens ging. Am Mittwoch haben wir uns mit dem Thema „Lernen ist Arbeit und Arbeit ist lernen“ beschäftigt. Das war die Überleitung zu dem Tag „Organisation braucht Lernen“. Denn Lernen braucht auch organisatorisch einige Rahmenbedingungen. Am Freitag sind wir dann bei der Reflexion angekommen: „Lernen braucht Reflexion“. Das sagt sich leicht. Aber wo ist eigentlich die Zeit dafür, zu reflektieren? Und was habe ich daraus an Erkenntnissen gezogen und was könnte ich in Zukunft anders machen?

Die Organisation des Lernens stellt Unternehmen ja aktuell vor Herausforderungen, weil sich durch die Pandemie nahezu alles in den digitalen Raum verlagert. Gab es auf der Veranstaltung Erkenntnisse dazu, wie dies gut zu bewerkstelligen ist?

Clemens Stieger: Die gab es auf mehreren Ebenen. Zum einen hat die Veranstaltung selbst dazu eingeladen. Denn sie ist ja aus der Problematik heraus entstanden, dass wir uns nicht face to face treffen konnten, sondern online gehen mussten. Bei den Corporate Learning Days ging es außerdem viel um die Möglichkeiten, die durch die Verlagerung von Weiterbildung ins Digitale entstehen. Wir hatten ja auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Norddeutschland oder der Schweiz, die ansonsten vermutlich nicht dabei gewesen wären. Aber natürlich wirft die Entwicklung auch Probleme und Fragen auf. Der Diskurs ging zum Beispiel in die Richtung: Wie gehen wir mit der Erschöpfung um, die nicht nur mit der Fülle der Onlineveranstaltungen zu tun hat, sondern auch mit Corona und den Rahmenbedingungen.  Was bedeutet die Digitalisierung der Weiterbildung für die Führung, für die Lernkultur, für Teams?

Herwig Kummer: Es hat auch Sessions zu der Frage gegeben, wie ich ein Online-Meeting so gestalte, dass es für alle möglichst energiespendend und nicht -raubend ist. Wir hatten gleich am ersten Tag einen Workshop zum Thema: Wie richte ich meinen Arbeitsplatz bei einem Online-Meeting ein. Welche Beleuchtung ist gut? Wie gestalte ich das Medium ganz bewusst?

Wie verändert sich die Rolle der Personalentwicklerinnen und -entwickler in dieser Zeit, in der Teams zunehmend selbstorganisiert arbeiten?

Foto: Armin Schreijäg, Pixabay

Herwig Kummer: Ich habe selbst zwei Sessions zu diesem Thema angeboten. Es ging darum, woran es liegt, dass wir uns als Personalentwickler nicht wirksam oder eingebunden fühlen? Was sind die Totschlagargumente, denen wir immer wieder begegnen? De facto hat es sich runterbrechen lassen auf – „Dafür haben wir keine Zeit“, „Das kostet zu viel“ und „Kann mir mehr sagen, was das genau bringt?“. Natürlich können wir nicht immer genau sagen, was eine Intervention bringt. Aber wir müssen versuchen, den Mehrwert sichtbar zu machen. Daran haben wir sehr intensiv gearbeitet – und in dem Zusammenhang auch reflektiert, wie sich die Rolle des Corporate Learning Professionals verändert. Sind wir dann überhaupt noch Personalentwickler – oder ist dieser Begriff grundfalsch?

Clemens Stieger:  Ein Learning war, dass auch wir Learning Professionals immer noch in einer Lernkurve sind. Auch wir sind zum Beispiel noch nicht vertraut mit allen Tools. Wir haben etwa versucht, ein Audio-Format zu pushen, so wie Clubhouse das macht. Es ist ja kein Zufall, dass es einen solchen Hype um diese Plattform gibt. Wenn ich nur zuhöre, kann ich andere Dinge tun daneben. Ich kann vielleicht spazieren gehen, bin nicht so angekettet an diesen Bildschirm. Wir hatten jeden Mittag dazu einen offenen Experimentierraum. Und bei der Beschäftigung mit diesem Format wurde allen klar, dass wir selbst noch einiges lernen müssen. Natürlich gibt es diese Sehnsucht nach dem „Back to Normal“, aber stattdessen müssten wir uns noch viel mehr mit neuen Technologien auseinander setzen – und wir sind auch noch nicht da, wo ich dachte, dass wir es sind.

Herwig Kummer: Aber genau dazu hat sich auch eine Initiative gebildet. Auf Initiative vom Karlheinz Pape von der Corporate Learning Community Deutschland haben sich 15 Leute gefunden, die gemeinsam eine eigene Webspace betreiben wollen, um dort ihr Lernen sichtbar zu machen und sich untereinander auszutauschen. Ich bin auch in dieser Gruppe mit dabei – und wir diskutieren wirklich sehr grundlegend: Muss ich mir WordPress selber installieren können? Wie tief muss ich die verschiedenen Instrumente verstehen, um sie in der Weiterbildung zu nutzen? Bei der „Domain of One’s Own“ geht es darum, eigene Erkenntnisse zu dokumentieren, wertvolle Links abzulegen und Inhalte zu teilen, sich mit Technologien auseinanderzusetzen. Wenn wir das über eine eigene Webspace machen, gehören die Inhalte uns – und nicht irgendeiner Social-Media-Plattform.

Welche weiteren persönlichen Learnings gab es für Sie durch die Veranstaltung?

Clemens Stieger: Bei mir waren es im Wesentlichen vier Erkenntnisse: Die erste war,  dass wir Learning Professionals noch einen Weg zu gehen haben. Denn wenn wir einen Schritt voraus sein wollen, müssen wir die Geschwindigkeit erhöhen.

Die zweite war, dass das Thema Digitalisierung noch lange nicht durch ist. Wir sind hier immer noch in der Lernphase – und ich selbst bin auch in meiner täglichen Arbeit immer wieder verwundert, welche Anfragen jetzt ein Jahr nach Pandemieausbruch noch kommen – beispielsweise zum Thema Meetings online gestalten oder zur virtuellen Zusammenarbeit.

Foto: Airfocus, Unsplash

Die dritte Erkenntnis lautet: Wir reden nicht immer vom selben. Begriffe wie Digital Leadership oder Remote Leadership  oder Virtual Leadership: Wir haben hier keine klar definierten Begrifflichkeit.

Ein viertes Learning besteht darin, dass wir in der österreichischen Community noch Nachholbedarf haben. Sie ist erst ein zartes Netzwerk, das sich erst noch entwickeln muss.

Herwig Kummer: Positiv war allerdings, dass unser Konzept des asynchron-synchronen Barcamps wirklich funktioniert hat und viele angezogen hat. Es waren einige dabei, die das Format Barcamp nicht kannten, aber die Stimmung war gut, die Offenheit war da. Auch wenn sich die Leute noch nie gesehen haben, sind sie vertrauensvoll miteinander umgegangen. Das finde ich bemerkenswert.

Clemens Stieger: Ja, da ist tatsächlich ein Wir-Gefühl entstanden. Das ist auch online möglich.

Interview: Bettina Geuenich

Webtipps

Corporate Learning Community Österreich

LinkedIn-Gruppe der Corporate Learning Community Österreich

“Domain of One’s Own“ der Corporate Learning Community

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

Bettina Geuenich

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des blog.personal-manager.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.