„Das Instrument der Kurzarbeit hat sich bewährt“

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Foto: Saulich

Das Arbeitsmarktservice (AMS) hatte in den vergangenen Monaten eine Mammutaufgabe zu meistern. Wie die Organisation diese Zeit bewältigte und welche Auswirkungen der zweite Lockdown auf den Arbeitsmarkt hat, darüber haben wir mit AMS-Vorstandsmitglied Johannes Kopf gesprochen.

Herr Kopf, wie hat das AMS die vergangenen Monate der Corona-Krise erlebt?

Covid-19-Pandemie und ihre Folgen für den Arbeitsmarkt abzufedern, war die größte Herausforderung, die das Arbeitsmarktservice (AMS) in seiner Geschichte bisher erlebt hat. Quasi „über Nacht“ musste eine in Wirklichkeit völlig neue Förderung entwickelt werden. Es gab keine Richtlinie, kein Antragsformular, keine passende EDV-Unterstützung, kein Berechnungstool für Betriebe. Der Ansturm sowohl der arbeitslosen Menschen als auch der Unternehmen, die Kurzarbeit beantragt haben, war überwältigend. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des AMS haben eine phänomenale Leistung erbracht und diesen historischen Ansturm bewältigt. Wir im Vorstand sind sehr stolz auf jede/n Einzelne/n unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Hat sich das Instrument der Kurzarbeit bewährt?

Ja, das Instrument der Kurzarbeit hat sich bewährt. Die Betriebe waren in der Lage, den Großteil ihrer Beschäftigten zu halten, anstatt sie kündigen zu müssen. Kurzarbeit sicherte mehr als 1,3 Millionen Jobs in diesem Land. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer konnten mit nur geringen Einkommenseinbußen von zehn bis 20 Prozent die Krise recht gut durchstehen und die Unternehmen hielten dringend benötigtes Know-how im Unternehmen.

Wo stehen wir heute? Wie wirkt sich der zweite Lockdown auf Kurzarbeit und Arbeitslosenzahlen aus? 

Bedingt durch den zweiten Lockdown nahm die krisenbedingte Arbeitslosigkeit im Vorjahresvergleichleider wieder deutlich zu. Nach einem Plus von rund 70.000 Personen gegenüber dem Vorjahr Ende Oktober, stieg die Anzahl der beim AMS als arbeitslos oder in Schulung gezählten Personen Ende November 2020 um rund 91.000 Personen oder 25 Prozent. Die zur Kurzarbeit angemeldeten Beschäftigten haben die 300.000 schon wieder deutlich überschritten.

In welchen Branchen gibt es gemessen an den Arbeitslosenzahlen die größten Einbrüche?

Die größten Einbrüche gibt es in den vom Lockdown besonders betroffenen Branchen Handel sowie Beherbergung und Gastronomie.

Kritiker bemängeln, dass durch die Unterstützung der Regierung teilweise Unternehmen am Leben gehalten werden, die eigentlich nicht mehr überlebensfähig sind. Ist dieser Einwand berechtigt?

Zum Teil. Die Unterstützungsmaßnahmen haben das Ziel, Unternehmen sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmerdurch die Krise zu führen und negative Auswirkungen so gut es geht abzufedern. Dauert die Krise jedoch zu lange, so werden durch die Unterstützung möglicherweise notwendige Reformen und Strukturbereinigungen verhindert.

Erwarten Sie einen Anstieg der Insolvenzen und der Arbeitslosigkeit, wenn die Unterstützungen für die Unternehmen auslaufen?

Das wird das Frühjahr zeigen. Wir müssen an sich logischerweise damit rechnen, dass die Insolvenzen nach Auslaufen der Hilfsmaßnahmen deutlich zunehmen werden, allerdings ist ja noch offen, was genau die Regierung in Hinblick auf Steuer- und Sozialversicherungsstundungen vorhat.

Auch in der Krise stellen Unternehmen ein. Welche Jobs sind aktuell besonders gesucht?

Ja, auch in der Krise stellen Unternehmen ein. Ende November waren beim AMS rund 58.000 freie Stellen gemeldet, der Großteil dieser gemeldeten Stellen wird auch innerhalb eines Monats wieder besetzt. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in Branchen mit höherer Fluktuation, wie beispielsweise im Handel laufend gesucht. Hohen Personalbedarf der Unternehmen gibt es aber derzeit auch im Bereich IT und Elektronik, in der Pflege, in der Metallbearbeitung und in den Bereichen Gesundheit.

Momentan ist viel die Rede davon, dass sich Arbeitsmarkt durch Corona wieder stärker in Richtung Arbeitgebermarkt entwickeln wird. Sehen Sie diese Entwicklung auch?

Wenn die Arbeitslosigkeit höher ist, ist das an sich eine logische Entwicklung, jedoch hängt das auch jetzt stark von der Ausbildung ab. Gute IT-Kräfte zum Beispiel können es sich noch immer aussuchen, wo sie arbeiten.

Interview: Bettina Geuenich

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des Portals HRM.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

Bettina Geuenich

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des Portals HRM.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.