Rückkehr in den Betrieb: Sicherheit und Gesundheit gehen vor

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Die Wirtschaft zieht langsam an und einige Unternehmen besiedeln wieder ihre Betriebsgebäude. Worauf achten sie dabei? Und welche organisatorischen Schritte sind nötig? Wir beschreiben an zwei Beispielen, wie die Rückkehr in den Betrieb aussehen kann – und warum ein Teil der Belegschaften weiterhin im Homeoffice bleibt.

Der Lockdown liegt nun einige Wochen zurück, die Infektionszahlen sinken, Schulen und Kitas öffnen. Auch einige Betriebe lassen ihre Mitarbeiter wieder an die Arbeitsplätze zurückkehren – oder planen dies. Eine Lösung für alle gibt es dabei oft nicht. Zu unterschiedlich sind die Gefahrenlagen, Notwendigkeiten und Bedürfnisse in den Unternehmen.

Beispiel Wien Energie

Der Energieversorger Wien Energie ist noch sehr zurückhaltend, was die Rückkehr zum „Normalbetrieb“ betrifft. Mit der positiven Entwicklung der Infektionszahlen sei es zwar möglich, den Bürobetrieb langsam wieder hochzufahren, doch die Gesundheit der rund 2.250 Mitarbeiter sei dabei weiterhin im Fokus, sagt Katharina Polomini, Leiterin Personal- und Organisationsmanagement bei der Wien Energie Gmbh: „Homeoffice ist daher auch weiterhin die bevorzugte Arbeitsweise.“ Aktuell kehrten die Mitarbeiter nur dann ins Büro zurück, wenn dies für die tägliche Arbeit dringend erforderlich sei. Dementsprechend arbeite „der überwiegende Teil der Wien-Energie-Belegschaft auch weiterhin von zu Hause aus.“

Gesundheitsmanagement im Homeoffice

Damit die Mitarbeiter im Homeoffice körperlich und mental gesund bleiben, hat das Unternehmen ein umfassendes Programm für das Gesundheitsmanagement gestartet. Neben individuellem telefonischem Coaching gibt es täglich ein spezielles Video-Angebot mit Yoga-Übungen oder Tipps für eine gesunde Ernährung und Stärkung des Immunsystems. „Das soll helfen, aus der Routine auszubrechen und sich fit zu halten“, so Polomini. Zudem hätten Mitarbeiter die Möglichkeit, bei Bedarf medizinische und psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Schutzvorkehrungen im Büro

Für diejenigen, die teilweise ins Büro zurückkehren, hat das Unternehmen Schutzvorkehrungen getroffen. „Wir stellen ein umfassendes Hygienepaket, das beispielsweise Masken und Desinfektionsmittel beinhaltet, zur Verfügung“, berichtet Polomini. Die Arbeitsplätze haben einen Mindestabstand von zwei Metern und die Mitarbeiter dürfen sich nicht direkt gegenüber sitzen. An den Büroräumen hängen Informationen darüber, wie viele Menschen sich gleichzeitig in den jeweiligen Räumen aufhalten dürfen. Meetings finden weiterhin fast ausschließlich online statt. Es wird regelmäßig gelüftet und alle gemeinsam genutzten Utensilien wie Drucker müssen immer wieder desinfiziert werden. Die Gemeinschaftsräume sind mit Handseife, Desinfektionsmittel, Handschuhen und Papierhandtüchern ausgestattet, die Betriebsküchen haben auf Take-Away umgestellt und die Steuerung der Aufzüge wurde teilweise so verändert, dass Mitarbeiter sie nicht unbegrenzt gleichzeitig nutzen können.

Eine besondere Herausforderung war es, die Gegebenheiten unterschiedlicher Standorte und Mitarbeitergruppen einzubeziehen. Denn jeder Arbeitsbereich berge andere Risiken. So haben einige Mitarbeiter Kontakte mit Kunden und Betriebsfremden, zum Beispiel im Service oder Außendienst. Sie müssten daher teilweise andere Regeln einhalten als Mitarbeiter im Innendienst.

53 Mitarbeiter im Lockdown isoliert

Neben der Gesundheit der Mitarbeiter muss Wien Energie die Versorgungssicherheit der Kunden im Blick behalten. Damit die Wienerinnen und Wiener auch bei einer größeren Ausbreitung von Covid-19 weiterhin mit Strom und Wärme versorgt werden, hatte das Unternehmen gleich zu Beginn des Lockdowns 53 Mitarbeiter – von der Außenwelt isoliert – auf Kraftwerksgeländen untergebracht. Vorab wurden sie auf das Virus getestet. Die Mitarbeiter lebten vier Wochen lang von ihren Familien getrennt in provisorischen Unterkünften, steuerten die Anlagen und warteten die Maschinen. Mitte April konnte das Unternehmen die Isolation im Zuge der allgemeinen Lockerungen wieder aufheben. Nach wie vor sind die Schichtpläne aber in den für die Versorgung kritischen Bereichen wie den Kraftwerken oder Müllverbrennungsanlagen so verändert, dass sich die Schichten nicht überschneiden. So will das Unternehmen Kontakte unter Schlüsselpersonal vermeiden.

Beispiel Siemens Österreich

Auch Siemens Österreich geht die Rückkehr der rund 11.000 Mitarbeiter an die verschiedenen Standorte vorsichtig an. Während des Lockdowns war der größte Teil der Angestellten im Homeoffice. Sie machen rund 82 Prozent der Belegschaft aus. Damit nicht alle gleichzeitig zurück in die Betriebe kommen, habe das Unternehmen die Besiedelung in drei Wellen geplant, berichtet Karl Lang, Senior HR-Director CEE bei Siemens Österreich.

Rückkehr in drei Wellen

Die ersten Mitarbeiter konnten ab dem 4. Mai zurück ins Büro, weitere folgten ab dem 25. Mai. Mitte Juni startet dann die dritte Welle. „Wir haben aber gleichzeitig darauf hingewiesen, dass jederzeit auch weiterhin im Homeoffice gearbeitet werden kann“, betont Lang. Rund 65 Prozent der Angestellten arbeiten derzeit noch von zu Hause aus.

Für alle anderen, darunter auch die Produktionsmitarbeiter, gelten in den Werken und Büros verschärfte Hygienevorschriften sowie Social Distancing. Die Mitarbeiter sollen grundsätzlich einen Mindestabstand von einem Meter (empfohlen sind zwei Meter) einhalten. Sie müssen auf dem gesamten Betriebsgelände einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Ausgenommen davon sind der eigene Arbeitsplatz sowie Außenbereiche, wie zum Beispiel Raucher-Ecken. Auch bei der Essensausgabe in der Kantine gilt die Masken- und Abstandspflicht. Die Mitarbeiter sollten Gruppenbildungen vermeiden und Begegnungen kurz halten. Daher bleiben auch die Begegnungszonen auf dem Betriebsgelände bis auf weiteres geschlossen.

Regelungen für Meetings

Interne Meetings finden bei Siemens Österreich nach wie vor bevorzugt virtuell statt. Wenn ein persönliches Treffen unbedingt notwendig ist, dürfen daran maximal sieben Personen teilnehmen. Alle Teilnehmer müssen dabei den Mindestabstand einhalten und Masken tragen. Meetings mit Externen  dürfen eine maximale Teilnehmerzahl von 15 nicht übersteigen. Auch hier gelten Abstands- und die Maskenpflicht. Erlaubt sind nur wichtige Präsenz-Meetings, zum Beispiel Bewerbungsgespräche, Treffen mit Kunden und Partnern oder wichtige Schulungen und Unterweisungen.

Empfehlungen für den Dienstweg

Da der Weg zur Arbeit teilweise mehr Ansteckungsmöglichkeiten birgt als der eigene Arbeitsplatz, empfiehlt Siemens seinen Mitarbeitern, öffentliche Verkehrsmittel während der Stoßzeiten zu vermeiden und lieber mit dem eigenen Pkw zur Arbeit zu kommen (möglichst alleine). Wer Kollegen mit zur Arbeit nimmt, sollte im Auto auch einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Dienstreisen hat Siemens bis auf weiteres untersagt – mit Ausnahme von dringlichen Einsätzen, die sich nicht virtuell oder anderweitig erledigen lassen. Der Vorgesetzte muss den Reisen grundsätzlich zustimmen.

App für die laufende Kommunikation

Damit alle Mitarbeiter auf dem neuesten Stand sind, informiert Siemens in Web-Meetings, Video-Botschaften des Managements und anderen Kanälen über die aktuelle Situation. Sogar eine eigene App hat das Unternehmen zu diesem Zweck eingeführt. Über „Comfy SIEconnect“ können die Mitarbeiter Informationen über Covid-19 und alle Arbeitsschutz-Regelungen zum jeweiligen Standort abrufen. Sie können Arbeitsplätze „buchen“ und mit ihren Führungskräften Vereinbarungen zu Anwesenheiten und Homeoffice treffen.

Contact Tracing sollen Ansteckungsketten unterbrechen

Eine wichtige Vorsichtsmaßnahme zur Eindämmung von Covid-19 war laut Karl Lang auch die Einführung von „Contact Tracing“ bei Verdachtsfällen: Wenn im engeren privaten Umfeld von Mitarbeitern ein Verdachtsfall von Covid-19 auftritt, sind sie angehalten, sofort den Vorgesetzten zu informieren. So hofft das Unternehmen, Ansteckungsketten schnell zu unterbrechen.

Fazit: Rückkehr mit Augenmaß

Die beiden Beispiele Wien Energie und Siemens Österreich zeigen, dass Unternehmen bei der Rückkehr in den Betrieb nach wie vor Vorsicht walten lassen (müssen). Gefragt sind:

  • Social Distancing: Abstand halten (1,5 bis 2 Meter) und wo immer möglich, Kontakte vermeiden (versetzte Schichten, Belegschaften aufteilen, virtuelle Meetings)
  • Verschärfte Hygiene: Regelmäßiges Reinigen und Desinfizieren gemeinsam genutzter Flächen und Gegenstände
  • Maskenpflicht in Räumen, an denen sich mehrere Menschen begegnen
  • Laufende Kommunikation zu aktuellen Entwicklungen
  • Contact Tracing: Verdachtsfälle melden – und ihnen nachgehen

In vielen Organisationen wird sich die Rückkehr in den Betrieb voraussichtlich noch länger hinziehen. Einiges spricht auch dafür, dass ein Teil der Mitarbeiter – zumindest tageweise – im Homeoffice bleiben wird. Das Portal karriere.at hat Arbeitnehmer befragt, ob Homeoffice auch nach der Corona-Zeit für sie eine Option wäre. 72 Prozent sagen dazu: „Nicht jeden Tag. Aber man sollte die Wahl haben.“ Auch 73 Prozent der Arbeitgeber würden ihren Mitarbeitern nach Corona die Wahl zwischen Homeoffice und Arbeitsplatz lassen. So viel Übereinstimmung gab es selten.

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Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des Portals HRM.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.

Bettina Geuenich

Bettina Geuenich ist die Chefredakteurin der Fachzeitschrift personal manager und des Portals HRM.at. Sie beobachtet seit rund 17 Jahren die HR-Szene in Österreich und schreibt darüber.