Blitzumfrage „Recruiting in Zeiten von Corona“

Bild zum Beitrag von Wolfgang Brickwedde, Blitzumfrage Recruiting
Foto: Evgeni Tcherkassi, Unsplash

Fahren Unternehmen ihr Recruiting zurück? Wie finden Arbeitgeber jetzt heraus, ob Bewerber zu ihnen passen? Und wie erleben die Recruiter selbst die Krise? Antworten bietet eine Blitzumfrage des Institute for Competitive Recruiting (ICR), an der in den vergangenen zwei Wochen mehr als 500 Arbeitgeber aus dem deutschsprachigen Raum teilgenommen haben.

Die Corona-Krise trifft das Recruiting sehr hart. Deutlich weniger Bewerber treffen auf deutlich weniger Nachfrage seitens der Unternehmen. Nur wenige Branchen bilden hier die Ausnahmen. Ein Lichtblick bildet die IT Branche. Dort wollen 35 Prozent der teilnehmenden Unternehmen ihr Recruiting in der Krise ausbauen.

Die große Mehrheit der Studienteilnehmer äußert in der Studie zudem die Absicht, das Recruiting deutlich stärker zu digitalisieren. Kleine und mittelständische Betriebe haben dabei den größten Nachholbedarf. In einigen Prozessschritten des Recruitings ist die Digitalisierung zudem deutlich leichter umzusetzen (Videointerviews) als in anderen (Onboarding). Hierfür und für externe Personalmarketingaktivitäten suchen die Unternehmen verstärkt Virtualisierungsmöglichkeiten. Vielleicht werden wir alle die Corona-Krise als den lange benötigten Boost  für die Digitalisierung des Recruitings in Erinnerung behalten?

Zahl der Bewerbungen sinkt

Die Mehrheit der teilnehmenden Arbeitgeber (46%) verzeichnet weniger (32%) oder sogar deutlich weniger (16%) Bewerbungen. 44 Prozent haben keine Änderungen im Bewerbungseingang festgestellt. Nur sechs Prozent erhalten mehr oder deutlich mehr Bewerbungen. Weniger Bewerbungen erhalten 50 Prozent der teilnehmenden Unternehmen in der Logistikbranche, gefolgt vom Baugewerbe und dem Handel. In den Branchen verarbeitende Industrie, Life Science, Öffentlicher Sektor geben jeweils über 10 Prozent der teilnehmenden Unternehmen an, mehr Bewerbungen zu erhalten. Die Anzahl der  Bewerbungen in der Schweiz wurde von der Corona Krise am heftigsten getroffen. Dort hat kein Unternehmen angeben können, mehr oder deutlich mehr Bewerbungen zu bekommen.

Mehrheit glaubt, Recruiting wird abnehmen

56 Prozent der teilnehmenden Unternehmen gehen davon aus, dass das Recruiting in der Wirtschaft insgesamt abnehmen wird. Auf die Frage, wie sich das Recruiting im eigenen Haus entwickeln wird, antworten nur 44 Prozent  der teilnehmenden Unternehmen, dass es zurückgefahren wird. Dabei gibt es wenig Unterschied im DACH-Vergleich. Die Wahrnehmung der Gesamtentwicklung ist im deutschsprachigen Raum somit deutlich schlechter als die Erwartungen für das eigene Unternehmen. Nur elf Prozent der Arbeitgeber gehen von einem Ausbau des Recruitings aus.

Das Corona-Virus als Digital Boost?

Zwei Drittel der Unternehmen – darunter Betriebe fast aller Größenklassen – wollen das Recruiting stärker digitalisieren. Dabei gibt es beim Vergleich mit dem aktuellen Stand einen hohen Aufholbedarf hinsichtlich der Digitalisierung des Recruiting bei KMU. Bei einer Branchenbetrachtung sehen Unternehmen aus den Branchen Rohstoffgewinnung und -verarbeitung, Life Science und Automobilbau den größten Bedarf an der weiteren Digitalisierung des Recruitings.

Bei Bewerberinterviews in Zeiten von Corona sind zeitgleiche Videointerviews bei 56 Prozent der Unternehmen das Mittel der Wahl. Mehr Telefon- und zeitversetzte Videointerviews: so wollen AG zukünftig Bewerberinterviews führen.

Bezogen auf Candidate Assessment sind die Lager geteilt. Ein Drittel bleibt bei analogen Verfahren, ein weiteres Drittel ist schon digital unterwegs, ein Fünftel will stärker digitalisieren.

Auch beim Cultural Fit Check gibt es eine Zweiteilung. 50 Prozent bleiben bei analogen Verfahren, 20 Prozent prüfen den Cultural Fit digital und 15 Prozent wollen stärker digitalisieren

Assessment Center: 60 Prozent der Arbeitgeber machen keine Assessment Center, 13 Prozent organisieren sie digital, zwölf Prozent verzichten darauf. Weitere zwölf Prozent wissen noch nicht, wie sie künftig mit Assessment Centern umgehen.

Homeoffice ist für die Mehrheit der Recruiter keine besondere Herausforderung.  Zwei Drittel haben bereits (teilweise) von zu Hause aus gearbeitet, der Rest ist auf dem Weg dahin.  Fast der Hälfte werden allerdings die Kolleginnen und Kollegen fehlen.

Alle Aktivitäten sind beim externen Personalmarketing heruntergefahren. Die Suche nach Virtualisierungsmöglichkeiten beginnt.

Beim Onboarding herrscht die größte Unsicherheit bei den Arbeitgebern. 41 Prozent wissen noch nicht,  wie sie ihr Onboarding jetzt darstellen sollen.

Webtipp

Die komplette Studie zum Download gibt es hier.

Wolfgang Brickwedde

Wolfgang Brickwedde ist Director des Institute for Competitive Recruiting (ICR). Er beobachtet seit Jahren die Recruiting-Szene und führt regelmäßig Studien zu Recruiting-Trends in der DACH-Region durch.

Wolfgang Brickwedde

Wolfgang Brickwedde ist Director des Institute for Competitive Recruiting (ICR). Er beobachtet seit Jahren die Recruiting-Szene und führt regelmäßig Studien zu Recruiting-Trends in der DACH-Region durch.